Stand: 15. September 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit dem 2. August 2026 wird die KI-Kompetenzpflicht aus Artikel 4 von nationalen Behörden beaufsichtigt, in Deutschland von der Bundesnetzagentur.
- Die Pflicht wurde durch den Digital Omnibus gelockert, die Aufsicht hat trotzdem begonnen, und die nächsten, härteren Pflichten sind fest terminiert.
- Vier Zahlen zu Können, Ertrag, Schatten-KI und Steuerung zeigen dasselbe Problem: Unternehmen wissen nicht, wie kompetent mit KI tatsächlich gearbeitet wird.
Bis zum 2. August 2026 war Artikel 4 eine Pflicht, nach der niemand fragte. Seit diesem Datum gibt es Behörden, die fragen dürfen. Für Unternehmen verschiebt sich damit die Frage: nicht mehr, ob die Pflicht gilt, sondern ob sie zeigen können, dass sie sie erfüllen.
Seit diesem Datum überwachen die nationalen Marktüberwachungsbehörden die Einhaltung der KI-Verordnung, so die Fragen und Antworten der EU-Kommission zur KI-Kompetenz3. In Deutschland ist das die Bundesnetzagentur7. Für Unternehmen mit Copilot, ChatGPT und ähnlichen Werkzeugen im Team heißt das: Es reicht nicht mehr, Werkzeuge einzuführen und zu hoffen, dass die Mitarbeitenden gut damit umgehen.
Was gilt für Unternehmen konkret?
Seit dem 2. Februar 2025 müssen Unternehmen Maßnahmen ergreifen, die die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten fördern, sobald diese mit KI-Systemen arbeiten. So verlangt es Artikel 4 der KI-Verordnung2 in seiner seit dem 27. Juli 2026 geltenden Fassung. Vorgeschrieben ist kein Zertifikat, keine Prüfung und kein bestimmter Score: Die Kommission schreibt ausdrücklich, dass kein Zertifikat nötig ist und dass interne Aufzeichnungen über Schulungen und andere Maßnahmen genügen. In Deutschland regelt das KI-Marktüberwachungs- und Innovationsförderungsgesetz6 seit dem 29. Juli 2026 die Zuständigkeit der Bundesnetzagentur; für KI im direkten Zusammenhang mit regulierter Finanztätigkeit ist die BaFin8 zuständig.
Die Termine, die zählen
2. Februar 2025
Artikel 4 gilt: Maßnahmen für KI-Kompetenz sind Pflicht.
27. Juli 2026
Digital Omnibus in Kraft: Bemühenspflicht, kein garantiertes Niveau.
2. August 2026
Die Aufsicht beginnt, in Deutschland durch die Bundesnetzagentur.
2. Dezember 2027
Pflichten für Hochrisiko-Systeme nach Anhang III.
In welche Richtung entwickeln sich die Pflichten?
Man kann sich in Details verlieren, was wie streng ausgelegt wird. Aufschlussreicher ist die Richtung. Der Digital Omnibus, die Verordnung (EU) 2026/17441 vom 8. Juli 2026, hat Artikel 4 seit dem 27. Juli 2026 von einer Erfolgs- zu einer Bemühenspflicht gemacht: Niemand muss ein bestimmtes Kompetenzniveau garantieren. Die Pflicht selbst bleibt, und die Aufsicht startet trotzdem zum ersten Mal. Die nächsten, spürbar härteren Pflichten sind fest terminiert: Hochrisiko-Systeme nach Anhang III ab dem 2. Dezember 2027, Hochrisiko-KI in regulierten Produkten ab dem 2. August 2028, nachzulesen in Artikel 113 der KI-Verordnung5.
Selbst die Omnibus-Verordnung, die die Pflicht gelockert hat, hält in Erwägungsgrund 8 fest, KI-Kompetenz solle unabhängig von Vorschriften und möglichen Sanktionen eine strategische Priorität sein. Wer jetzt anfängt, sauber zu dokumentieren, hat in ein bis zwei Jahren einen eingespielten Prozess, statt unter Zeitdruck nachzurüsten.
Was erwartet der Markt unabhängig vom Gesetz?
Die regulatorische Pflicht ist nicht der einzige Grund, das Thema ernst zu nehmen. Ausschreibungen, Konzernkunden und Wirtschaftsprüfer fragen zunehmend nach einem Nachweis über KI-Kompetenz im Team, unabhängig davon, wie genau Artikel 4 am Ende ausgelegt wird. Das Institut der Wirtschaftsprüfer13 empfiehlt seinen Mitgliedern bereits seit 2024, die Anforderungen des AI Act in bestehende Governance- und Compliance-Strukturen zu integrieren und KI-Systeme nach dem Prüfungsstandard IDW PS 861 zu prüfen.
Ein Beispiel
Stellen Sie sich einen IT-Dienstleister vor, dessen Konzernkunde im jährlichen Lieferantenaudit fragt, welche Beschäftigten mit Kundendaten KI-Werkzeuge nutzen und wie deren Kompetenz belegt ist.
Vorhanden sind eine KI-Richtlinie und die Teilnahmeliste eines Einführungskurses. Welche Rollen welche Werkzeuge nutzen, und wie gut, weiß im Haus niemand.
Formal gibt es Maßnahmen. Die Frage des Kunden zielt aber auf etwas anderes, auf ein Bild davon, wo das Team steht. Genau das fehlt.
Was zeigen die Zahlen zusammen?
Vier Zahlen ergeben zusammen ein klareres Bild als jede einzelne für sich. Sie stammen aus vier Studien und betrachten dasselbe Problem aus vier Blickwinkeln.
| Blickwinkel | Was die Zahl zeigt |
|---|---|
| Können | 53 % der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten nennen fehlendes technisches Know-how als Hemmnis. |
| Ertrag | 74 % der Unternehmen haben noch keinen greifbaren Wert aus ihrem KI-Einsatz gezogen. |
| Schatten-KI | 57 % der Beschäftigten verbergen ihre KI-Nutzung. |
| Steuerung | 23 % der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten haben Regeln für den Einsatz von KI-Werkzeugen. |
Vier Zahlen, ein Problem: Unternehmen investieren in KI, wissen aber nicht, wie kompetent damit gearbeitet wird.
Die Zahlen stammen aus dem Bitkom-Studienbericht 20269, der BCG-Befragung „Where's the Value in AI?“11, der KPMG-Studie mit der University of Melbourne12 und einer Bitkom-Umfrage vom Oktober 202510. Zusammengenommen zeigen sie, dass das Nadelöhr beim Können der Mitarbeitenden liegt, nicht bei der Auswahl der Werkzeuge, und dass dieses Können weder im freigegebenen noch im nicht freigegebenen Teil der Werkzeuglandschaft sichtbar ist.
Dieser blinde Fleck, nicht die Regulatorik allein, ist der eigentliche Grund, jetzt zu handeln.
Was ist jetzt konkret zu tun?
Vier Schritte statt einer langen Checkliste
- KI-Inventar erstellen, und dabei auch die Schatten-KI erfassen, also Werkzeuge ohne Freigabe.
- Kompetenzprofile nach Rolle bilden: Was muss die Buchhaltung können, was der Vertrieb?
- Einen belastbaren Nachweis schaffen, an echter Arbeit. Eine Teilnahmeliste ist kein Nachweis.
- Regelmäßig wiederholen, damit der Nachweis aktuell bleibt und Veränderung sichtbar wird.
Der dritte Schritt ist in der Praxis der, an dem die meisten Unternehmen scheitern. Die Kommission hält fest, dass der bloße Verweis auf die Gebrauchsanweisung eines KI-Systems wahrscheinlich nicht ausreicht, und ihr Living Repository mit Praxisbeispielen4 begründet ausdrücklich keine Konformitätsvermutung. Was zählt, ist die eigene, dokumentierte Praxis.
Wo setzt Proveo an?
Proveo setzt nicht in erster Linie beim Nachweisdokument an, sondern bei der Frage, wo ein Unternehmen eigentlich steht und wohin das nächste Budget fließen sollte. Mitarbeitende bearbeiten reale Arbeitsaufgaben aus ihrem eigenen Bereich, zum Beispiel eine Kundenanfrage, in einem geschlossenen Workspace mit KI-Chat, ohne Fragebogen und ohne Quiz. Ein KI-Prüfer bewertet jede Bearbeitung entlang von vier Dimensionen: strategischer Tool-Einsatz, Interaktionsqualität, kritische Kontrolle und fachlich geführtes Prompting. Daraus entsteht keine einzelne Zahl, sondern eine Landkarte über Abteilungen hinweg.
Ohne Bild vom Team
- Im Zweifel werden alle noch einmal geschult.
- Das Budget folgt dem Kalender, nicht der Lücke.
- Artikel 4 ist formal erfüllt, die Wirkung bleibt offen.
- Das Ergebnis: dieselbe Unsicherheit beim nächsten Audit.
Mit Bild vom Team
- Sichtbar wird, wo KI souverän genutzt wird und wo es hakt.
- Sichtbar wird auch, woran es hakt: am Training, an der Werkzeugwahl oder an der Prüfung von Ausgaben.
- Das Budget fließt dorthin, wo die Lücke tatsächlich liegt.
- Das Ergebnis: ein Nachweis und eine Entscheidungsgrundlage zugleich.
Für die Geschäftsführung heißt das: Sie sieht nicht nur, ob Artikel 4 formal erfüllt ist, sondern ob sich die KI-Investitionen der letzten Monate auszahlen und wo im Unternehmen noch ungenutztes Potenzial liegt.
Fazit
Die Richtung ist gesetzt, die Aufsicht läuft, und der Markt verlangt den Nachweis ohnehin schon. Wer jetzt anfängt, kann beim nächsten Gespräch mit dem Wirtschaftsprüfer oder bei der nächsten Ausschreibung etwas vorlegen. Wer wartet, merkt das meist erst, wenn die Frage bereits gestellt ist.
Quellen
Hintergrund und weitere Angaben lassen sich je Quelle aufklappen.
- Verordnung (EU) 2026/1744, Digital Omnibus on AI, Amtsblatt der EU vom 24. Juli 2026. ↩
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Neuer Wortlaut von Artikel 4, Erwägungsgrund 8, Inkrafttreten am 27. Juli 2026.
- Artikel 4 KI-Verordnung im AI Act Explorer. ↩
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Konsolidierter Wortlaut nach dem Omnibus; die Pflicht gilt seit dem 2. Februar 2025.
- EU-Kommission: „AI literacy: Questions and Answers“. ↩
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Kein Zertifikat nötig, interne Aufzeichnungen empfohlen, Aufsicht seit dem 2. August 2026; Verweis auf Gebrauchsanweisungen allein wahrscheinlich nicht ausreichend.
- EU-Kommission: Living Repository zur KI-Kompetenz. ↩
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Beispielsammlung ohne Konformitätsvermutung.
- Artikel 113 KI-Verordnung. ↩
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Anwendungsfristen, darunter der 2. Dezember 2027 und der 2. August 2028 für Hochrisiko-Systeme.
- KI-Marktüberwachungs- und Innovationsförderungsgesetz (KI-MIG). ↩
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BGBl. 2026 I Nr. 223; § 2 macht die Bundesnetzagentur zur Marktüberwachungsbehörde.
- Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 29. Juli 2026. ↩
Details
Zentrale Rolle bei der Umsetzung der KI-Verordnung, KI-Service Desk.
- BaFin, Pressemitteilung vom 29. Juli 2026. ↩
Details
Zuständigkeit für KI-Systeme im direkten Zusammenhang mit regulierter Finanztätigkeit.
- Bitkom, Studienbericht „Künstliche Intelligenz in Deutschland“ 2026 (PDF). ↩
Details
604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. 53 % nennen fehlendes technisches Know-how als Hemmnis, 43 % bieten keine KI-Schulungen an.
- Bitkom, Presseinformation „Beschäftigte nutzen vermehrt Schatten-KI“, 21. Oktober 2025. ↩
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Private KI-Werkzeuge und Regeln in 604 Unternehmen; 23 % haben Regeln für den KI-Einsatz aufgestellt.
- BCG, „AI Adoption in 2024: 74% of Companies Struggle to Achieve and Scale Value“, 24. Oktober 2024. ↩
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1.000 Führungskräfte in 59 Ländern; 74 % der Unternehmen ohne greifbaren Wert aus KI.
- KPMG und University of Melbourne, „Trust, attitudes and use of AI: A global study 2025“. ↩
Details
Über 48.000 Befragte in 47 Ländern; 57 % verbergen ihre KI-Nutzung, verbreitet fehlende Schulung und Richtlinien.
- IDW, Presseinformation „AI Act: Überblick über die EU-Verordnung“, 30. August 2024. ↩
Details
Integration in Governance-Strukturen, Prüfungsstandard IDW PS 861.