Stand: 15. September 2026. Dieser Beitrag ist eine Einordnung aus der Praxis, keine Rechtsberatung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Artikel 4 verlangt kein Zertifikat, keine Prüfung und keinen Mindest-Score. Er verlangt dokumentierte Maßnahmen, und seit August 2026 kann die Aufsicht danach fragen.
  • Jede Stelle, die fragt, prüft im Kern drei Dinge: Wer wurde befähigt, was kann diese Person tatsächlich, und wie aktuell ist der Beleg.
  • Teilnahmelisten und Quiz-Zertifikate beantworten keine der drei Fragen. Beobachtetes Können bei echter Arbeit, datiert und wiederholt, beantwortet alle drei.

Die Frage, die Geschäftsführungen zu KI-Kompetenz stellen, hat sich verschoben. Sie lautet nicht mehr, ob Artikel 4 der KI-Verordnung1 für das eigene Unternehmen gilt, sondern was man vorzeigen kann, wenn jemand fragt. Und es fragen inzwischen mehrere: die Aufsicht, Konzernkunden in Ausschreibungen, Wirtschaftsprüfer. Die Antwort ist in den meisten Unternehmen dieselbe: eine Teilnahmeliste vom letzten Jahr.

Was viele überrascht: Vorgeschrieben ist kein bestimmtes Zertifikat, keine Prüfung und kein Mindest-Score. Seit die Omnibus-Verordnung Ende Juli 2026 den Wortlaut geändert hat, ist Artikel 4 ausdrücklich eine Maßnahmenpflicht: Anbieter und Betreiber ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals zu unterstützen, und die Verordnung (EU) 2026/17442 ergänzt, dass niemand ein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen garantieren muss. Die Pflicht selbst bleibt. Die EU-Kommission3 verlangt kein Zertifikat und empfiehlt stattdessen interne Aufzeichnungen über Schulungen und andere Maßnahmen. Das Wort, an dem in der Praxis alles hängt, ist „dokumentiert“. Ein Bemühen, das nirgends aufgezeichnet ist, existiert im Zweifelsfall nicht.

43 %

der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten bieten keine KI-Schulungen an. Nur eine Minderheit hat feste Regeln für den KI-Einsatz.

Bitkom, Studienbericht KI 2026

Bislang ist das, was vorgezeigt werden kann, oft wenig. Die Zahl stammt aus dem Bitkom-Studienbericht 20269. Seit dem 2. August 2026 überwachen die nationalen Marktüberwachungsbehörden die Einhaltung, in Deutschland nach dem KI-Marktüberwachungsgesetz5 die Bundesnetzagentur6, die zugleich Anlauf- und Beschwerdestelle ist.

Welche drei Fragen muss jeder Nachweis beantworten?

Ob eine Behörde, ein Konzernkunde oder ein Wirtschaftsprüfer fragt: Die Prüfung läuft im Kern immer auf drei Fragen hinaus. Wer? Kompetenz ist rollenbezogen, die Anforderungen an eine Sachbearbeiterin mit Assistenzsoftware unterscheiden sich von denen an ein Team, das Kundenkommunikation mit KI erstellt; die Kommission selbst betont, dass es keine Einheitslösung gibt. Was? Belegt werden muss tatsächliches Können, nicht die Teilnahme an einer Veranstaltung. Wie groß der Abstand zwischen beidem ist, zeigt die KPMG-Studie mit der University of Melbourne11: Ein großer Teil der Beschäftigten übernimmt KI-Ergebnisse ungeprüft, und weniger als die Hälfte hat überhaupt eine Schulung erhalten. Wann? Ein Nachweis von vor zwei Jahren sagt wenig über den Umgang mit Werkzeugen, die es damals noch nicht gab.

Die Frage des PrüfendenWas der Nachweis enthalten muss
Wer wurde befähigt?Rollenbezogene Kompetenzprofile statt einer Liste für alle
Was kann diese Person tatsächlich?Beobachtetes Können bei echter Arbeit, nicht Teilnahme
Wie aktuell ist der Beleg?Datum und Wiederholungsrhythmus
Welche Systeme sind gemeint?Ein KI-Inventar, auch mit nicht freigegebenen Werkzeugen
Wofür wird der Nachweis gebraucht?Aufsicht, Ausschreibung oder Prüfung, mit demselben Beleg

Teilnahme und Wissen beantworten keine der drei Fragen. Beobachtetes Können, datiert und wiederholt, beantwortet alle drei.

Was trägt in der Praxis nicht als Nachweis?

4 %

des einmalig gelernten Stoffs waren nach 31 Tagen noch erhalten. Eine Schulung aus der Vergangenheit belegt ein historisches Bemühen, kein aktuelles.

Murre und Dros, Replikation der Vergessenskurve, 2015

Drei Formen tauchen in fast jedem Unternehmen auf und bestehen den Praxistest nicht. Die Teilnahmeliste: Sie dokumentiert Anwesenheit, sonst nichts. Die einmalige Schulung aus der Vergangenheit: Ihr Inhalt verflüchtigt sich, wie die Replikation der Vergessenskurve durch Murre und Dros zeigt. Und das generische Quiz-Zertifikat: Ein Quiz misst Wissen über KI, nicht den Umgang mit KI. Im Feldexperiment von Dell'Acqua und Kollegen12 schnitten Berater mit KI bei einer Aufgabe außerhalb der Fähigkeiten des Modells schlechter ab als ohne, obwohl sie vorher gewarnt worden waren. Den Unterschied zwischen Wissen und Verhalten kennen inzwischen auch die, die fragen.

Was nicht trägt

  • Die Teilnahmeliste: belegt Anwesenheit.
  • Die Schulung von vor zwei Jahren: belegt ein früheres Bemühen.
  • Das generische Quiz-Zertifikat: belegt Wissen, nicht Können.
  • Das Ergebnis: keine der drei Fragen beantwortet.

Was trägt

  • Ein KI-Inventar, auch mit den nicht freigegebenen Werkzeugen.
  • Rollenbezogene Kompetenzprofile.
  • Eine Messung an echter Arbeit statt angekreuzter Definitionen.
  • Ein Datum und ein Wiederholungsrhythmus.

Was enthält ein belastbarer Nachweis?

Ein Nachweis, der die drei Fragen beantwortet, hat vier Bestandteile. Ein KI-Inventar, das festhält, welche Systeme im Unternehmen tatsächlich genutzt werden, auch die nicht freigegebenen: Laut Bitkom10 kennen viele Unternehmen Einzelfälle privater KI-Nutzung, und ebenso viele vermuten sie, ohne es zu wissen. Rollenbezogene Kompetenzprofile, die festlegen, was die jeweilige Nutzung erfordert; Beispiele sammelt die Kommission in ihrem Living Repository4, ausdrücklich ohne Konformitätsvermutung. Eine Messung, die tatsächliches Verhalten bei echter Arbeit zeigt, im Kirkpatrick-Modell die Ebene 3 statt der Ebene 2. Und ein Datum samt Wiederholungsrhythmus, damit der Nachweis aktuell bleibt und Fortschritt sichtbar wird.

Drei Stufen des Belegs

Teilnahme

Wer im Raum war. Eine Liste.

Wissen

Wer die Begriffe kennt. Ein Quiz.

Was ein Nachweis belegen muss

Können

Wer KI bei echter Arbeit richtig einsetzt, prüft und steuert. Eine Messung.

Ein Bemühen, das nirgends aufgezeichnet ist, existiert im Zweifelsfall nicht.

Wer fragt nach dem Nachweis?

Die Behörde ist in der Praxis selten die erste, die fragt, auch wenn die Bundesnetzagentur seit dem 2. August 2026 Beschwerden jeder natürlichen oder juristischen Person7 zu vermuteten Verstößen entgegennimmt und die BaFin8 die Aufsicht für KI-Systeme im regulierten Finanzbereich übernimmt. Ausschreibungen, Konzernkunden und Wirtschaftsprüfer verlangen einen Nachweis über KI-Kompetenz im Team zunehmend von sich aus, unabhängig davon, wie streng Artikel 4 am Ende ausgelegt wird. Das Institut der Wirtschaftsprüfer13 empfiehlt seinen Mitgliedern, die Anforderungen der KI-Verordnung in bestehende Governance- und Compliance-Strukturen zu integrieren und bei der Prüfung von KI-Systemen den Standard IDW PS 861 heranzuziehen. Wer den Nachweis nur für den Fall einer Prüfung aufbaut, unterschätzt, wie oft er vorher gebraucht wird.

Ein Beispiel

Stellen Sie sich einen Zulieferer vor, der sich um einen Rahmenvertrag bewirbt. Im Fragebogen des Konzernkunden steht: Wie stellen Sie sicher, dass Beschäftigte, die KI in der Kundenkommunikation einsetzen, dafür befähigt sind?

Der Zulieferer legt eine Teilnahmeliste der KI-Grundlagenschulung vom Vorjahr vor. Der Kunde fragt nach: Wer davon arbeitet in der Kundenkommunikation, was können diese Personen konkret, und wann wurde das zuletzt überprüft?

Ein datierter Beleg aus einer Fallaufgabe je Rolle, mit Wiederholung im Halbjahr, beantwortet alle drei Nachfragen in einem Dokument. Die Teilnahmeliste beantwortet keine.

Wie führt man den Nachweis in der Praxis?

66 %

der Beschäftigten übernehmen KI-Ergebnisse, ohne deren Richtigkeit zu prüfen. Genau das ist der Punkt, den ein Nachweis sichtbar machen muss.

KPMG und University of Melbourne, 2025

Proveo setzt an der Stelle an, an der Teilnahmelisten und Quiz-Zertifikate aufhören: beim beobachtbaren Verhalten. Mitarbeitende bearbeiten realistische Fallaufgaben aus ihrem eigenen Arbeitsbereich in einem Workspace mit Editor und KI-Chat. Bewertet wird der Weg zum Ergebnis entlang von vier Dimensionen: strategischer Tool-Einsatz, Interaktionsqualität, kritische Kontrolle, fachlich geführtes Prompting. Das Ergebnis ist ein datierter, wiederholbarer Kompetenzbeleg, der zeigt, wo das Team steht und ob Maßnahmen wirken.

Drei Schritte für den Anfang

  1. Erstellen Sie ein Inventar der KI-Systeme, die tatsächlich genutzt werden, und ordnen Sie jedem die Rollen zu, die damit arbeiten.
  2. Lassen Sie je Rolle einige Mitarbeitende eine echte Aufgabe mit dem freigegebenen Werkzeug bearbeiten und halten Sie datiert fest, wie sie vorgehen. Das ist der erste Beleg.
  3. Legen Sie den Wiederholungsrhythmus fest und dokumentieren Sie ihn. Ein Nachweis ohne nächstes Datum ist beim nächsten Werkzeugwechsel veraltet.

Fazit

Artikel 4 schreibt keinen bestimmten Nachweis vor, aber jede Stelle, die fragt, erwartet einen, der Wer, Was und Wann beantwortet. Teilnahme und Wissen beantworten diese Fragen nicht. Beobachtetes Können bei echter Arbeit, datiert und wiederholt, beantwortet alle drei. Der Gesetzgeber selbst sieht es ähnlich: Im Erwägungsgrund 8 der Omnibus-Verordnung2 heißt es, KI-Kompetenz sollte eine strategische Priorität sein, unabhängig von regulatorischen Pflichten und möglichen Sanktionen.

Quellen

Methode, Stichprobe und weitere Zahlen lassen sich je Quelle aufklappen.

  1. AI Act Explorer, Artikel 4 KI-Kompetenz (deutsche Fassung nach der Omnibus-Änderung).
    Methode und Zahlen

    Der aktuelle Wortlaut der Pflicht: Anbieter und Betreiber ergreifen Maßnahmen, um die Entwicklung der KI-Kompetenz ihres Personals zu unterstützen.

  2. Verordnung (EU) 2026/1744, Digital Omnibus on AI (EUR-Lex, deutsch).
    Methode und Zahlen

    Änderung von Artikel 4 und Erwägungsgrund 8, in Kraft seit 27. Juli 2026. Kein Unternehmen muss ein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen garantieren; KI-Kompetenz soll unabhängig von Pflichten und Sanktionen strategische Priorität sein.

  3. Europäische Kommission, „AI literacy: Questions and Answers“.
    Methode und Zahlen

    Kein Zertifikat nötig, interne Aufzeichnungen über Schulungen und andere Maßnahmen empfohlen; Aufsicht durch die Marktüberwachungsbehörden seit August 2026. Der Verweis auf Gebrauchsanweisungen allein dürfte kaum wirksam sein.

  4. Europäische Kommission, „Living repository on AI literacy“.
    Methode und Zahlen

    Beispielsammlung für Maßnahmen zur KI-Kompetenz, ausdrücklich ohne Konformitätsvermutung.

  5. KI-Marktüberwachungs-und-Innovationsförderungs-Gesetz (KI-MIG).
    Methode und Zahlen

    § 2 macht die Bundesnetzagentur zur zuständigen Marktüberwachungsbehörde für die KI-Verordnung in Deutschland.

  6. Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 29. Juli 2026.
    Methode und Zahlen

    Neue Rolle als Marktüberwachungs-, Anlauf- und Beschwerdestelle ab dem 2. August 2026.

  7. Bundesnetzagentur, KI Service Desk und Beschwerdestelle.
    Methode und Zahlen

    Jede natürliche oder juristische Person kann Beschwerden zu vermuteten Verstößen gegen die KI-Verordnung einreichen.

  8. BaFin, Pressemitteilung vom 29. Juli 2026.
    Methode und Zahlen

    Marktüberwachung für KI-Systeme im direkten Zusammenhang mit regulierter Finanztätigkeit.

  9. Bitkom, Studienbericht „Künstliche Intelligenz in Deutschland“ 2026 (PDF).
    Methode und Zahlen

    604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. 43 % bieten keine KI-Schulungen an, 23 % haben feste Regeln für den KI-Einsatz.

  10. Bitkom, „Beschäftigte nutzen vermehrt Schatten-KI“, Oktober 2025.
    Methode und Zahlen

    In 8 % der Unternehmen ab 20 Beschäftigten ist die Nutzung privater KI-Werkzeuge weit verbreitet, 17 % kennen Einzelfälle, weitere 17 % vermuten sie.

  11. KPMG und University of Melbourne, „Trust, attitudes and use of AI“, 2025.
    Methode und Zahlen

    Über 48.000 Befragte in 47 Ländern. 66 % übernehmen KI-Ergebnisse ungeprüft, 56 % haben dadurch schon Fehler gemacht, 47 % haben eine KI-Schulung erhalten.

  12. Dell'Acqua et al., „Navigating the Jagged Technological Frontier“, Harvard Business School / BCG, 2023.
    Methode und Zahlen

    Feldexperiment mit 758 Beratern. Bei einer Aufgabe außerhalb der Fähigkeiten des Modells 23 % schlechter als die Kontrollgruppe ohne KI, trotz vorheriger Warnung.

  13. IDW, „AI Act: Überblick über die EU-Verordnung zur künstlichen Intelligenz“, 2024.
    Methode und Zahlen

    Empfehlungen des Instituts der Wirtschaftsprüfer zur Integration in Governance- und Compliance-Strukturen, inklusive Prüfungsstandard IDW PS 861.