Stand: 15. September 2026. Dieser Beitrag ist eine Einordnung aus der Praxis, keine Rechtsberatung.
Das Wichtigste in Kürze
- Es gibt drei Formen von KI-Schulungsnachweis: die Teilnahmebescheinigung, das Quiz-Zertifikat und den Kompetenzbeleg. Sie belegen Anwesenheit, Wissen und Können.
- Jede prüfende Stelle kann drei Nachfragen stellen: woran Kompetenz festgemacht wird, wie aktuell der Nachweis ist und was daraus abgeleitet wurde. Bescheinigung und Quiz scheitern daran.
- Je mehr Unternehmen schulen, desto weniger unterscheidet eine Bescheinigung. Gefragt wird zunehmend, wie gut ein Team arbeitet, nicht ob es geschult wurde.
Wer nach einem Schulungsnachweis für KI gefragt wird, legt in der Regel das vor, was vorhanden ist: eine Teilnahmeliste oder ein Zertifikat. Ob das die Frage beantwortet, hängt davon ab, was eigentlich gefragt wurde. Und genau das unterscheiden viele Unternehmen nicht.
Die Frage kommt inzwischen aus drei Richtungen. Aus der Regulatorik, weil Artikel 4 der KI-Verordnung seit dem 2. Februar 2025 Maßnahmen für KI-Kompetenz im Team verlangt. Von Ausschreibungen und Konzernkunden, die einen Nachweis zur Bedingung machen. Und von Wirtschaftsprüfern, die nach der KI-Governance fragen. Seit dem 2. August 2026 kann zudem die Bundesnetzagentur als deutsche Marktüberwachungsbehörde3 nachfragen, welche Maßnahmen ein Unternehmen ergriffen und dokumentiert hat.
43 %
der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten bieten bislang keine KI-Schulungen an. Nur ein kleiner Teil schult alle Mitarbeitenden.
Viele haben also wenig vorzuzeigen, wie der Bitkom-Studienbericht 20264 zeigt. Und wer etwas vorzeigt, zeigt allen Fragenden häufig dasselbe. Dabei gibt es drei sehr verschiedene Formen von Nachweis, und sie belegen sehr Verschiedenes.
Drei Formen von Schulungsnachweis
Teilnahmebescheinigung
Belegt, dass jemand anwesend war.
Quiz-Zertifikat
Belegt, dass jemand Begriffe und Regeln kennt.
Kompetenzbeleg
Belegt, wie jemand bei echter Arbeit mit KI umgeht.
Was belegt eine Teilnahmebescheinigung?
Sie belegt, dass eine Person zu einem Zeitpunkt anwesend war. Mehr nicht. Als Baustein einer Dokumentation ist sie nicht wertlos: Die EU-Kommission verlangt für Artikel 4 ausdrücklich kein Zertifikat1, sondern empfiehlt interne Aufzeichnungen über Schulungen und andere Maßnahmen, und eine Teilnahmeliste ist eine solche Aufzeichnung. Als alleiniger Nachweis fällt sie bei der ersten Nachfrage in sich zusammen: Ob die Person zugehört, etwas verstanden oder ihr Verhalten geändert hat, steht auf einem Blatt, das es nicht gibt. Die Lernforschung gibt dem Zweifel Gewicht: In der Replikation der Vergessenskurve durch Murre und Dros6 ist von einmalig gelerntem Stoff nach einem Monat kaum etwas übrig.
27 %
der Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden haben ihre Beschäftigten bereits im Umgang mit KI geschult. Zwei Jahre zuvor war es weniger als die Hälfte davon.
Die Zahl aus der TÜV-Weiterbildungsstudie 20265 hat eine Folge, die selten bedacht wird: Je mehr Unternehmen schulen, desto weniger unterscheidet eine Bescheinigung. Sie wird zur Voraussetzung, nicht zum Argument.
Was belegt ein Quiz-Zertifikat?
Eine Stufe darüber steht das Zertifikat mit bestandener Wissensabfrage. Es belegt, dass jemand Begriffe und Regeln wiedergeben konnte, ein echter Fortschritt gegenüber der reinen Anwesenheit. Nur beantwortet es die falsche Frage: Es misst Wissen über KI, nicht den Umgang mit KI. Wie weit beides auseinanderliegt, zeigt das Feldexperiment von Dell'Acqua und Kollegen7.
23 %
schlechter schnitten Berater mit KI bei einer Aufgabe außerhalb der Fähigkeiten des Modells ab als ohne KI, obwohl sie vorher gewarnt worden waren.
Das Wissen um die Grenze schützte nicht vor dem Fehlvertrauen. In der KPMG-Studie mit der University of Melbourne8 räumt ein großer Teil der Beschäftigten ein, KI-Ergebnisse zu übernehmen, ohne deren Richtigkeit zu prüfen. Wer jede Definition kennt und trotzdem ungeprüfte KI-Texte an Kunden schickt, besteht das Quiz und fällt im Alltag durch.
Was belegt ein Kompetenzbeleg?
Die dritte Form dokumentiert beobachtetes Verhalten: Eine Person hat eine realistische Aufgabe aus ihrem eigenen Arbeitsbereich mit KI bearbeitet, und bewertet wurde der Weg dorthin, also Werkzeugwahl, Prüfverhalten und fachliche Steuerung. In der Sprache des Kirkpatrick-Modells9 ist das Ebene 3, Verhalten, während das Quiz auf Ebene 2 stehen bleibt und die Bescheinigung nicht einmal das misst. Datiert und wiederholbar dokumentiert dieser Beleg kein garantiertes Niveau, sondern ergriffene Maßnahmen samt Ergebnis, genau das, worauf es bei Artikel 4 ankommt. Die Omnibus-Verordnung (EU) 2026/17442 stellt seit dem 27. Juli 2026 klar, dass niemand ein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen garantieren muss; die Pflicht zu Maßnahmen bleibt.
Die Bescheinigung belegt Anwesenheit, das Quiz belegt Wissen, erst der Kompetenzbeleg belegt Können.
Welche Nachfragen muss ein Schulungsnachweis bestehen?
Ob ein Nachweis trägt, zeigt sich an drei Nachfragen, die jede prüfende Stelle stellen kann. Die dritte ist auch lernwissenschaftlich die entscheidende: Hattie und Timperley10 beschreiben wirksames Feedback über die Frage, was als Nächstes kommt. Ein Nachweis ohne abgeleitete Maßnahme lässt genau sie offen.
| Die Nachfrage | Welche Form sie besteht |
|---|---|
| Woran machen Sie fest, dass die Person kompetent arbeitet, nicht nur, dass sie anwesend war? | Quiz und Kompetenzbeleg. Die Bescheinigung scheitert hier. |
| Wie aktuell ist das? | Jede Form, sofern sie datiert ist. Aussagekräftig wird es erst mit Wiederholung. |
| Was haben Sie aus dem Ergebnis abgeleitet? | Nur der Kompetenzbeleg. Das Quiz-Zertifikat scheitert spätestens hier. |
Ein Nachweis ohne abgeleitete Maßnahme lässt die wichtigste Nachfrage offen.
Was Bescheinigung und Quiz belegen
- Anwesenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt.
- Wissen über Begriffe und Regeln.
- Nichts über den Umgang mit KI im Alltag.
- Das Ergebnis: Aktivität dokumentiert, Können offen.
Was ein Kompetenzbeleg belegt
- Das beobachtete Vorgehen an einer echten Aufgabe.
- Werkzeugwahl, Prüfverhalten und fachliche Steuerung.
- Ein Datum und eine Wiederholung.
- Das Ergebnis: Maßnahmen samt Ergebnis dokumentiert.
Ein Beispiel
Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das in einer Ausschreibung nach seinem KI-Schulungsnachweis gefragt wird. Es könnte alle drei Formen vorlegen: die Teilnahmeliste der Einführung, Quiz-Zertifikate und einen datierten Beleg aus einer Fallaufgabe je Team.
Der Auftraggeber fragt nach, was aus den Ergebnissen folgte. Liste und Zertifikate haben dazu nichts zu sagen. Der Beleg zeigt, dass ein Team KI-Ausgaben ungeprüft übernahm, dass es daraufhin ein gezieltes Coaching gab und dass die zweite Messung einige Monate später besser ausfiel.
Nur diese Antwort besteht alle drei Nachfragen, und sie steht in einem einzigen Dokument.
Wie entsteht ein Kompetenzbeleg?
Bei Proveo bearbeiten Mitarbeitende Fallaufgaben aus ihrem eigenen Arbeitsbereich in einem Workspace mit Editor und KI-Chat, ohne Fragebogen und ohne Prüfungsmodus. Ein KI-Prüfer bewertet jede Bearbeitung entlang von vier Dimensionen, und aus jedem Durchlauf entsteht ein datierter Beleg pro Person und Team. Wiederholt angewendet zeigt er zusätzlich, ob Maßnahmen zwischen zwei Messungen gewirkt haben.
Drei Schritte für den Anfang
- Legen Sie Ihre vorhandenen Nachweise nebeneinander und ordnen Sie jeden einer der drei Formen zu.
- Stellen Sie jedem Nachweis die drei Nachfragen. Was an der ersten scheitert, bleibt ein nützlicher Baustein, taugt aber nicht als Beleg.
- Ergänzen Sie je Rolle einen datierten Beleg an einer echten Aufgabe und halten Sie fest, welche Maßnahme daraus folgte.
Fazit
Alle drei Formen haben ihren Platz: Die Bescheinigung dokumentiert Aktivität, das Quiz einen Wissensstand, der Kompetenzbeleg tatsächliches Können. Wer heute entscheidet, welchen Nachweis er aufbaut, sollte von der Nachfrage her denken, die kommen wird. Sie lautet immer seltener „Haben Sie geschult?“ und immer öfter „Können Sie zeigen, wie gut Ihr Team arbeitet?“
Quellen
Methode, Stichprobe und weitere Zahlen lassen sich je Quelle aufklappen.
- Europäische Kommission, „AI literacy: Questions and Answers“. ↩
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Was Artikel 4 verlangt, warum kein Zertifikat nötig ist und welche internen Aufzeichnungen die Kommission empfiehlt.
- Verordnung (EU) 2026/1744, Digital Omnibus on AI (EUR-Lex). ↩
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Der seit 27. Juli 2026 geltende Wortlaut von Artikel 4: Pflicht zu Maßnahmen, kein garantiertes Kompetenzniveau einzelner Personen.
- Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 29. Juli 2026. ↩
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Die Behörde wird ab dem 2. August 2026 Marktüberwachungs-, Anlauf- und Beschwerdestelle für die KI-Verordnung.
- Bitkom, Studienbericht „Künstliche Intelligenz in Deutschland“ 2026 (PDF). ↩
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604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. 43 % bieten keine KI-Schulungen an, 8 % schulen alle Mitarbeitenden.
- TÜV-Verband, Weiterbildungsstudie 2026 (Wiedergabe bei Haufe). ↩
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Forsa-Befragung von rund 500 Weiterbildungsverantwortlichen. 27 % der Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden haben zu KI geschult, 2024 waren es 12 %.
- Murre und Dros, „Replication and Analysis of Ebbinghaus' Forgetting Curve“, PLOS ONE, 2015. ↩
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Von einmalig gelerntem Stoff waren nach einem Tag rund 27 % erhalten, nach 31 Tagen rund 4 %, gemessen als Ersparnis beim Wiederlernen.
- Dell'Acqua et al., „How People Can Create and Destroy Value with Generative AI“, Harvard Business School / BCG, 2023. ↩
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Feldexperiment mit 758 Beratern. Bei einer Aufgabe außerhalb der Fähigkeiten des Modells 23 % schlechter als die Kontrollgruppe ohne KI, trotz Warnung.
- KPMG und University of Melbourne, „Trust, attitudes and use of AI“, 2025. ↩
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Über 48.000 Befragte in 47 Ländern. 66 % übernehmen KI-Ergebnisse, ohne sie zu prüfen.
- Kirkpatrick Partners, „The Kirkpatrick Model“. ↩
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Die vier Ebenen der Wirkungsmessung von Weiterbildung: Reaktion, Lernen, Verhalten, Ergebnisse.
- Hattie und Timperley, „The Power of Feedback“, 2007 (PDF). ↩
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Wirksames Feedback beantwortet drei Fragen: wohin es geht, wie es läuft und was als Nächstes kommt.