Stand: 4. August 2026. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.

Seit dem 27. Juli 2026 gilt der Digital Omnibus, und mit ihm eine spürbar weichere Formulierung von Artikel 4 EU AI Act. Der naheliegende Schluss vieler Geschäftsführungen: Wenn die Pflicht abgeschwächt wurde, können wir das Thema erstmal zurückstellen. Dieser Schluss ist verständlich, aber voreilig.

Was sich wirklich geändert hat

Der Digital Omnibus hat den Wortlaut von einer Erfolgspflicht zu einer Bemühenspflicht abgeschwächt. Praktisch heißt das: Unternehmen müssen kein garantiertes Kompetenzniveau ihrer Mitarbeitenden mehr sicherstellen. Sie müssen aber weiterhin nachweisbare Maßnahmen ergreifen, um KI-Kompetenz zu fördern. Die Pflicht ist nicht verschwunden, sie ist präziser geworden, wer wofür geradestehen muss.

Warum „Bemühen“ trotzdem einen Nachweis braucht

Eine Bemühenspflicht klingt nach weniger Aufwand. In der Praxis ist sie oft anspruchsvoller als eine klare Erfolgspflicht, weil die Frage „Was zählt als ausreichendes Bemühen?“ nicht abschließend beantwortet ist. Ohne Dokumentation lässt sich im Zweifelsfall gar nicht zeigen, dass überhaupt etwas unternommen wurde. Eine einzelne Schulung vor zwei Jahren wird kaum als aktuelles, ernsthaftes Bemühen durchgehen. Ein Prozess, der regelmäßig zeigt, wo das Team steht und was daraus folgt, schon eher.

Der Markt fragt weiterhin, unabhängig vom Gesetzestext

Die regulatorische Pflicht war ohnehin nie der einzige Grund, das Thema ernst zu nehmen. Ausschreibungen, Konzernkunden und Wirtschaftsprüfer fragen zunehmend nach einem Nachweis über KI-Kompetenz im Team, unabhängig davon, wie genau Artikel 4 am Ende ausgelegt wird. Diese Anfragen sind durch den Digital Omnibus nicht weniger geworden.

Was jetzt zu tun ist

Die aktive Aufsicht, die seit Anfang August läuft, beginnt trotz der Abschwächung wie geplant. Wer jetzt anfängt, ein belastbares Bild vom eigenen Team aufzubauen, hat in einem Jahr einen fertigen Prozess und eine gute Antwort auf die Frage nach dem eigenen Bemühen. Wer die Abschwächung als Freibrief liest, steht bei der nächsten Prüfung oder Ausschreibung mit leeren Händen da.

Fazit

Der Digital Omnibus hat den Ton verändert, nicht die Richtung. Weniger Erfolgsdruck bedeutet nicht weniger Nachweispflicht, sondern eine andere Frage: nicht mehr „Ist die Kompetenz garantiert?“, sondern „Können Sie zeigen, dass Sie sich ernsthaft darum bemühen?“ Diese Frage lässt sich nur mit einem laufenden Prozess beantworten, nicht mit einer einzelnen Maßnahme aus der Vergangenheit.