Stand: 31. August 2026. Dieser Beitrag ist eine Einordnung aus der Praxis, keine Rechtsberatung.

Die Frage kommt in fast jedem Erstgespräch: Müssen wir unsere Mitarbeitenden jetzt zu einer KI-Schulung schicken? Die kurze Antwort lautet: Artikel 4 EU AI Act verpflichtet Sie nicht zu einem bestimmten Kurs, einem Zertifikat oder einer Mindeststundenzahl. Er verpflichtet Sie dazu, ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz bei allen Personen sicherzustellen, die in Ihrem Auftrag KI-Systeme betreiben oder nutzen. Das ist eine Ergebnisorientierung, keine Formatvorgabe. Genau darin liegt die praktische Schwierigkeit, denn ein Kurs ist leicht zu buchen, ein Kompetenzniveau ist schwerer zu belegen.

Was Artikel 4 tatsächlich verlangt

Artikel 4 EU AI Act gilt seit Februar 2025, die aktive Aufsicht läuft seit Anfang August 2026. Adressat ist das Unternehmen als Anbieter oder Betreiber, nicht die einzelne Mitarbeiterin. Verlangt wird ein Kompetenzniveau, das zur Rolle, zum Kontext und zum Risiko der eingesetzten Systeme passt. Wer in der Buchhaltung Textentwürfe mit Copilot erstellt, braucht ein anderes Verständnis als wer im Vertrieb Kundendaten in ein Sprachmodell gibt. Die Norm nennt ausdrücklich technisches Wissen, Erfahrung, Ausbildung und den Anwendungskontext als Maßstäbe, was bedeutet: Erfahrung aus der Praxis zählt, und ein Kurs allein reicht nicht, wenn danach niemand anders arbeitet als vorher.

Was Artikel 4 nicht verlangt

Es gibt keine vorgeschriebene Schulungsdauer, keinen zertifizierten Anbieter, keine behördlich anerkannte Prüfung und keine Pflicht, jede Person im Unternehmen gleich zu behandeln. Auch eine jährliche Wiederholung ist nirgends festgeschrieben. Wer eine Präsenzschulung mit Teilnahmeliste durchführt, hat damit formal etwas getan, aber inhaltlich nur dokumentiert, dass Menschen in einem Raum waren. Umgekehrt kann ein Unternehmen ohne klassische Schulung sehr gut aufgestellt sein, wenn es zeigen kann, dass seine Mitarbeitenden KI-Werkzeuge sicher, kritisch und fachlich sinnvoll einsetzen. Den Unterschied macht nicht das Format, sondern der Nachweis der tatsächlichen Kompetenz.

Der Digital Omnibus verschiebt den Maßstab

Seit dem Digital Omnibus vom 27. Juli 2026 ist aus der Erfolgspflicht eine Bemühenspflicht geworden. Sie müssen also nicht garantieren, dass jede Person im Unternehmen ein bestimmtes Niveau erreicht hat, sondern belegen, dass Sie ernsthaft und systematisch daran arbeiten. Das entlastet, verlagert aber die Beweislast auf die Prozessdokumentation: Wer wurde wann anhand welcher Kriterien betrachtet, welche Lücken wurden erkannt, was folgte daraus? Eine Bemühenspflicht ohne dokumentierte Bemühung ist im Prüfungsgespräch schwer zu verteidigen. Deshalb ist es sinnvoll, den Status regelmäßig zu erheben, etwa über einen strukturierten Selbstcheck mit acht Fragen als Ausgangspunkt.

Warum Teilnahmelisten und Quiz-Ergebnisse nicht tragen

Ein Multiple-Choice-Test misst, ob jemand eine Definition wiedererkennt. Er misst nicht, ob dieselbe Person eine Halluzination im Modelloutput bemerkt, ob sie personenbezogene Daten aus einem Prompt heraushält oder ob sie überhaupt erkennt, wann ein KI-Werkzeug die falsche Wahl ist. Genau diese Verhaltensweisen sind aber der Grund für die Regulierung. Dass hier eine Lücke besteht, zeigen die Zahlen: 53 Prozent der Unternehmen nennen fehlende KI-Kompetenz als größtes Hindernis, 71 Prozent der Beschäftigten im DACH-Mittelstand nutzen nicht freigegebene Werkzeuge, und nur 11 Prozent der Unternehmen halten ihre KI-Governance für vollständig ausreichend. Schatten-KI verschwindet nicht durch eine Präsenzschulung, sondern durch Kompetenz und klare Alternativen.

Was ein belastbarer Nachweis enthält

Belastbar wird ein Nachweis, wenn er Arbeitsverhalten zeigt. Wir arbeiten dafür mit Fallaufgaben aus dem echten Arbeitsalltag: eine Reklamation beantworten, ein Angebot prüfen, eine Datenlage bewerten. Bewertet werden vier Dimensionen: Strategic Tool Use, Interaction Quality, Critical Oversight und Domain-Steered Prompting. Daraus entsteht ein Bild, das nicht nur für die Aufsicht taugt, sondern auch für Ausschreibungen und Wirtschaftsprüfer, und das in der Auswertung von Organisation bis Abteilung zeigt, wo Sie ansetzen müssen. Das ist auch betriebswirtschaftlich relevant, denn laut Gartner liefern 80 Prozent der KI-Investitionen keinen messbaren ROI, und fehlende Kompetenz ist eine der Ursachen.

Fazit

Eine Schulungspflicht im engen Sinne gibt es nicht, eine Kompetenzpflicht schon. Wer sie mit einem einmaligen Kurs abhaken will, erfüllt die Form und nicht den Zweck. Sinnvoll ist der umgekehrte Weg: Kompetenzstand an realen Aufgaben erheben, Lücken gezielt schließen, Ergebnisse dokumentieren und in Abständen wiederholen. Damit erfüllen Sie die Bemühenspflicht nachvollziehbar und gewinnen zugleich die Grundlage, um den Nutzen Ihrer KI-Werkzeuge überhaupt beurteilen zu können. Für die rechtliche Bewertung Ihres Einzelfalls ziehen Sie bitte Ihre Rechtsberatung hinzu.